Dienstag, 6. Mai 2014

Rezension: Das Mädchen mit dem Haifischherz von Jenni Fagan

„Das Mädchen mit dem Haifischherz“ von Jenni Fagan hat mich auf der Verlagsseite des Antje Kunstmann Verlags sofort angesprungen: dieser Titel ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe mich permanent gefragt, was sich dahinter verbirgt und musste das Buch einfach lesen. Nachdem wir es jetzt zum Welttag des Buches auch noch verlost haben, möchte ich euch endlich meinen Eindruck zu dieser Geschichte schildern.

„Das Mädchen mit dem Haifischherz“ von Jenni Fagan
320 Seiten
19,95 € (Hardcover)

Anais Hendricks ist fünfzehn, als ihr vorgeworfen wird eine Polizistin derart verprügelt zu haben, dass diese nun im Koma liegt. Für Anais beginnt dadurch eine wohlbekannte Prozedur: das Mädchen wird von der Polizei in das Gewahrsam eines neuen Heims gegeben. Im Panoptikum soll sie unter Kontrolle gebracht werden, bis ihr der Prozess gemacht wird. Anais ist ein Waisenkind und kennt die verschiedensten Stellen der staatlichen Fürsorge zur Genüge. Sie kennt Drogen und Gewalt. Eine Familie und Geborgenheit hat sie dagegen noch nicht kennen gelernt. Erst im Panoptikum mit seinen seltsamen Bewohnern findet Anais das erste Mal so etwas wie eine Familie.

Ich muss vorab sagen, dass ich mit völlig falschen Erwartungen an dieses Buch herangegangen bin. Eine etwas düstere Geschichte, abgründiges und harte Passagen hatte ich zwar vermutet, habe das Ganze jedoch als eine Art düsteres Jugendbuch gesehen. Ein Jugendbuch ist „Das Mädchen mit dem Haifischherz“ aber nun nicht wirklich. Die Sprache ist vulgär und ziemlich hart, manchmal brutal. Die Figuren stehen eigentlich durchgehend unter Drogen, alle sind ganz unten in der Gesellschaft angekommen und positive Entwicklungen schimmern nur ganz schwach durch eine ganze Menge Unrat.
Es hat eine Weile gedauert, bis ich mit Anais wirklich warm geworden bin. Fast ein Drittel des Buches hat mich die Hauptfigur und erzählende Stimme dieses Buches eher verschreckt. Anais hegt seltsame Thesen, laut denen sie Teil eines obszönen „Experiments“ ist. Vom Experiment fühlt sich Anais beobachtet und verfolgt. Erst spät bin ich dieser seltsamen Hauptfigur näher gekommen. Man merkt im Verlauf der Geschichte, dass in Anais auch ein weicher Kern steckt, ein eigentlich nur einsames Mädchen.
Für mich war es schließlich auch diese Thematik, die „Das Mädchen mit dem Haifischherz“ so besonders macht. Die Dramatik eines Lebens, das völlig ohne Wurzeln und Identität eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, hat mich sehr beschäftigt. Anais und die anderen Bewohner des Panoptikums sind Opfer einer Gesellschaft, in der sie keinen Platz finden. Man erwartet Schlechtes von ihnen und behandelt sie auch so. Keines der Kinder hat wirklich eine Chance, sich aus dieser Rolle zu befreien. Ich glaube für dieses Thema musste die Autorin einfach auf die harte Sprache und krassen Beschreibungen zurückgreifen.
„Das Mädchen mit dem Haifischherz“ ist kein im klassischen Sinne spannendes Buch, auch kein Buch mit einer schön vorbereiteten „Moral“ oder Botschaft. Es ist aber ein Buch, das einen so schnell nicht mehr loslässt. Es ist weniger die Handlung, als die Figuren, die einen verfolgen.

Ich kann „Das Mädchen mit dem Haifischherz“ nicht bewerten. Ganz einfach weil es für fast alle „Noten“ gute Begründungen gäbe: ich könnte aus vollem Herzen 5 Ratten vergeben, weil mich die erstaunliche Entwicklung, die Anais im Buch macht, beeindruckt hat.
Ich könnte aus vollem Herzen 4 Ratten vergeben, weil mir die Stimmung des Buches zwar gefallen hat, das Ganze aber doch stellenweise zu hart war für mich war.
Ich könnte 3 Ratten vergeben, weil die Handlung zum Teil unstrukturiert und chaotisch wie Anais Gedanken wirkt und man sich als Leser darin verlieren kann....

Ich glaube alle, die Spaß an ungewöhnlichen Büchern haben und sich nicht an einer harten Sprache und Thematik stören, sollten sich einfach selbst ein Bild machen.

Kommentare:

  1. Das hast du sehr gut beschrieben- ganz ähnlich wie du habe ich mich beim Lesen gefühlt, wobei ich durch das ganze Buch hinweg nicht warm mit Anais geworden bin.
    Kennst du "Christiane F.- Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"? Dieses Buch ist ja eine reale Begebenheit und gerade weil es dort genauso ist, wie Jenni Fagan es beschreibt, hat mich auch Anais Geschichte ziemlich mitgenommen.

    Liebe Grüße,

    Claudi

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  2. Eine schöne Beschreibung zum Buch. Ich bin nicht mit Anais warm geworden und habe das Buch entsprechend bewerten. Ich vermute, dass die MArketingstrategie des Verlages falsche Vorstellungen und Erwartungen zum Buch weckt. Schade eigentlich. Denn liest man es eher so, wie du es beschreibst oder so wie es wohl gedacht war, leicht autobiografisch und nicht als Jugendbuch, dann könnte sich etwas Interessantes daraus ergeben.
    Liebe Grüße
    Melissa

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